Neuheiten

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Hier wird nur eine Auswahl der neu angeschafften Bücher vorgestellt. Sämtliche Neuanschaffungen sind in der Bibliothek im Eingangsbereich zu sehen.

 

 

Hans Platzgumer – Drei Sekunden jetzt

Es ist die Geschichte eines Findelkinds, das mitten in einem Marseiller Shopping-Center in einen Einkaufswagen gebettet in der Buchabteilung stehen gelassen wird. Erst als Zehnjähriger erfährt der Bub, von den Adoptiveltern Francois genannt, von seiner unbestimmten Herkunft, was seine rastlose existenzielle Suche nach Identität, Liebe und Teilhabe ausmacht. Vorangestellt sind dem Roman zwei Zitate, die das gedankliche Konzept dieser hinreißend erzählten Geschichte skizzieren. Erstens Charlotta Iwanownas Aussage in Anton Tschechows „Kirschgarten“: „Ich weiß nicht, wie alt ich bin, und habe immer das Gefühl, ich bin jung. Woher ich komme, wer ich bin, wer meine Eltern waren… Ich weiß nichts.“ Zweitens dann Jean Paul Sartres Resümee: „Der Mensch muss sich sein eigenes Wesen schaffen. Indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich.“ Beide Statements treffen auf das Findelkind Francois zu, der, kaum erwachsen, vor seinen Pflegeeltern flieht und in einem zwielichtigen Hotel an der Küste von Marseille Unterkunft und Arbeit findet. Sein Chef verwendet den jungen Mann bald für obskure Geschäfte. Dies stört Francois nicht weiter, da er sich in dem wenig frequentierten Hotel wohlfühlt. Als jedoch ein Gast Selbstmord begeht, kommt ihm der Auftrag, geheime Papiere nach New York zu bringen, sehr gelegen. In einer Bar verliebt er sich in eine faszinierende Frau, der er gutgläubig nach Montreal nachreist. Ein Schneesturm bringt ihn beinah zu Tode, bis er schließlich den vorgebuchten Flug nach Hause erreicht. In Marseille angekommen, versucht er, sich eine neue Existenz zu schaffen, die schließlich – wie schon so oft in seinem Denken – „in drei Sekunden jetzt“ mit einem genial verblüffenden Romanende entschieden wird.

Ein spannender, doppelbödiger und atemberaubender Entwicklungs- und Bildungsroman, der mit literarischer Raffinesse und Leichtigkeit die Selbstfindung wie Selbstentwürfe eines sich entwurzelt fühlenden, prototypischen Menschen beschreibt und gleichzeitig die Suche nach dem essenziellen Lebensentwurf thematisiert. (biblio.at)

 

 

Gerald Seymour – Vagabond

Ein Ex-Agent des englischen Geheimdienstes wird von seiner Vergangenheit eingeholt. (DR)

Dies ist der 39. Roman eines Autors, der mit Eric Ambler, John le Carré und Frederick Forsyth zu den ganz Großen des englischen Spionageromanes gehört. Gerald Seymour hat als Reporter kaum ein Krisengebiet auf der Erde ausgelassen. Er war in Vietnam, im Italien der Roten Brigaden, in Afghanistan, im Irak, Iran – und immer wieder in Nordirland. Dorthin kehrt er mit „Vagabond“ zurück.

Die Ausgangslage ist klassisch: Der englische Geheimdienst reaktiviert seinen ehemaligen Mitarbeiter Danny Curnow, um einen Handel zwischen der IRA und einem Waffenhändler aus Russland zu unterbinden. Curnow, der es in seiner aktiven Zeit unter dem Namen „Vagabond“ in Geheimdienstkreisen aufgrund seiner Kaltblütigkeit zu einer Berühmtheit gebracht hat, will eigentlich seine Tage in Ruhe als Fremdenführer an den Stränden Nordfrankreichs verbringen, lässt sich aber von seinem früheren Führungsoffizier Bentinick schnell überreden und wird dadurch von seiner Vergangenheit eingeholt. Was folgt, ist ein blendend recherchierter, äußerst anspruchsvoller Spionageroman, der ohne die Klischees von Superhelden, Weltuntergangsszenarien und futuristischen Massenvernichtungswaffen auskommt.

Bei Gerald Seymour spüren die LeserInnen, dass er historisch umfangreich gebildet ist. Hier ist jedes politische Detail plausibel, jede Figur ist glaubwürdig charakterisiert. Allerdings ist „Vagabond“ keine leichte Kost. Die zahlreichen Protagonisten, viele Rückblenden und Wechsel der Szenarien setzen einige Konzentration voraus. (biblio.at)

 

 

Heinrich Steinfest – Die Büglerin

Tonia wird von ihren vornehmen Heidelberger Kunden für die Präzision und Sorgfalt ihrer Bügelarbeiten geschätzt. Doch keiner weiß, was sich hinter der Fassade der einsiedlerischen, unnahbaren Frau verbirgt: eine promovierte Meeresbiologin, die ihr reiches Erbe bewusst verschenkt hat, um durch die Arbeit als Haushaltshilfe eine (vermeintliche) Schuld abzubüßen. Tonia kann es sich nicht verzeihen, den Tod ihrer Nichte nicht verhindert zu haben. Sie war bei einem Schusswechsel in einem Wiener Kino gestorben – und zwar in unmittelbarer Nähe zu ihrer Tante, die den Mörder zu überwältigen versuchte. Doch dann ereignet sich eine Verkettung merkwürdiger Umstände – vielleicht Zufälle? – die ein neues Licht auf den Amoklauf von damals werfen.

Ein spannendes, skurriles, sprachwitziges und sehr berührendes Buch über Menschen, ihre Obsessionen und über die Unwägbarkeiten des Lebens. Für Leser/innen, die keinen herkömmlichen Kriminalroman suchen und dennoch Freude am Rätselhaften haben.

 

 

Susanne Jansson – Opfermoor

Nathalie, eine junge Biologin, kehrt nach über 15 Jahren in ihr Heimatdorf zurück, einem kleinen Ort im Südwesten von Schweden. Sie will im nahe gelegenen Moor Bodenproben sammeln. Doch schon bald wird ein junger Mann im Moor erschlagen und damit kehren die tragischen Erinnerungen ihrer Kindheit wieder zurück. Maya, die zweite Hauptfigur, ist Polizeifotografin und Künstlerin und ermittelt zusammen mit Inspektor Leif. Bald schon werden weitere Tote im Moor gefunden. Der Aberglaube, dass im Moor unheilvolle Kräfte vorhanden sind und dass das Moor sich seine Opfer holt, beeinflusst die Menschen in der Gegend und führt zu weiteren tragischen Funden.

Sehr spannender Krimi, in dessen Mittelpunkt das Moor steht. Dieses ist sehr bildhaft beschrieben, sodass man sich der unheilvollen Faszination, die dieses Moor auf die Bewohner ausübt, auch als Leser nicht entziehen kann. Mit den Leichen, die im Moor gefunden werden, erschließt sich so langsam auch die tragische Vergangenheit von Nathalie!

Gruseliger schauriger Krimi für alle! Um die Wirkung zu erhöhen, bitte in einer Gewitternacht oder an einem trüben und nebligen Tag lesen! (biblio.at)

 

 

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

Krieg und Liebe, Unterdrückung und Freiheit, Sehnsucht und Verzweiflung im Jahr 1944 unter der Drachenwand am Mondsee. (DR)

Von Mondsee aus hat man einen Blick auf die imposante Drachenwand, an deren Fuß die Ortschaft Schwarzindien liegt. Was sich landschaftlich wie sprachlich so romantisch ausnimmt, steht im Kriegsjahr 1944 unter gänzlich anderen Vorzeichen: Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist längst schalen Durchhalteparolen gewichen, Nahrungsmittel und Kleidung werden knapp und aus der Luft droht die Gefahr feindlicher Bomber. Hierher hat es den jungen Soldaten Veit Kolbe verschlagen, der nach schwerer Kriegsverletzung auf Genesungsurlaub weilt. Der Krieg hat ihm seine Jugend gestohlen, mit fatalistischer Interesselosigkeit verfolgt er den Untergang des Reichs.

Bewegung in die lähmende Ereignislosigkeit der in Kälte erstarrten Gegend bringen die Zugereisten und Außenseiter: Da ist der ein Gewächshaus betreibende „Brasilianer“, der seinem Südamerikaaufenthalt nachtrauert und sich das Gefühl von Freiheit und Widerständigkeit bewahrt hat, da ist eine Gruppe aus Wien verschickter Mädchen, in der paramilitärische Ordnung und Liebeserwachen aufeinanderstoßen, und da ist Margot: Die aus Darmstadt stammende junge Mutter ist Veits Nachbarin. Aus wechselseitiger Unterstützung wird eine intensive Liebschaft, aus der Veit nach und nach die Kraft schöpft, sich dem Leben zu stellen, seine neuerliche Einberufung zu sabotieren und das Fangnetz väterlicher Geringschätzung zu durchschneiden.

Kontrastierend läuft im Hintergrund die Parallelgeschichte einer jüdischen Familie, die über verschiedene Stationen ihrer Vernichtung entgegengeht.

Es ist weniger der große Plot, aus dem dieser fantastische Roman seine Kraft bezieht, es ist vielmehr die erzählerische Präzision in der Darstellung von Alltagsabläufen, die einen gefangennimmt. Krieg und Liebe, Unterdrückung und Freiheit, Sehnsucht und Verzweiflung werden nicht erklärt oder vorgeführt, sie wachsen verhalten wie unaufhaltsam zwischen den Tabletten, Schallplatten, Briefen, Zigaretten und dem Waschen der Windeln hervor. (bn.bibliotheksnachrichten)

 

 

Sigi Faschingbauer – Blau

Anfang der Neunzigerjahre gerät der Mathematikstudent David Kordek nach einem Konzertbesuch in eine tätliche Auseinandersetzung mit Burschenschaftern und stößt bei seinen darauffolgenden Recherchen durch Zufall auf das unglaubliche Netzwerk einer europäischen rechtsradikalen Organisation. Jahre später wird David Kordek – mittlerweile ein erfolgreicher Softwarearchitekt und Alleinerzieher einer Tochter mit kognitiver Beeinträchtigung – von seiner Vergangenheit eingeholt: Internetrecherchen führen ihn erneut in die Nähe des Rechtsextremismus, eine Kornblume als Bildlogo führt zur Entschlüsselung eines Codes, die Gewalt eskaliert, Menschen werden getötet, die friedliche Welt, die Kordek für sich und seine Tochter geschaffen hat, zerbricht… Auch in seinem dritten Roman sind Faschingbauers gesellschaftskritisches Engagement und seine wachsame Beobachtung der politischen Verhältnisse evident. Die beklemmende Geschichte des David Kordek schildert Faschingbauer mit der ihm eigenen enormen Kraft und Sprachgewalt, die die Leser/innen unweigerlich in ihren Bann zieht. (Edition Keiper Verlag, Graz)

 

 

Dacia Maraini – Das Mädchen und der Träumer

Der Lehrer Nani Sapienza ist ein gefühlvoller Mensch mit viel Fantasie. Seine Schüler begeistert er für „Alice im Wunderland“. Er ist ein Träumer und er leidet. Seine Tochter starb mit acht Jahren, daran zerbrach letztlich auch seine Ehe. Als er von einem Mädchen in einem roten Mantel träumt, das seiner Tochter ähnlich sieht, beginnt ein ganz besonderer Krimi. Denn am Morgen danach hört er im Radio von Lucia, einem Mädchen, das spurlos verschwunden ist. Sie trug zuletzt einen roten Mantel. Verbissen macht er sich auf die Suche, hört auch dann nicht auf, als die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hat und die Eltern des Mädchens dessen wahrscheinlichen Tod akzeptiert haben.

Dacia Maraini, die große italienische Schriftstellerin, entwirft ein peinliches Sittenbild unserer Gesellschaft. Von Menschenhandel in Asien und Sextouristen über den radikalen Islamismus, der verschleierte Mädchen als lebende Bomben einsetzt, bis hin zu Pädophilen in der Nachbarschaft spannt sich der Bogen an Möglichkeiten, was Kindern heute alles passieren kann. (biblio.at)

 

 

Wilfried Steiner – Der Trost der Rache

Wilfried Steiner knackt die Empfindsamkeit seines Helden Adrian mit dem rasanten Tod eines Onkologen. Im Roman „Der Trost der Rache“ stirbt der Vater Adrians an Krebs, obwohl er als Onkologe diesen ja vom Wissen her zähmen hätte müssen. Adrian geht es nicht mehr aus dem Kopf, dass wir letztlich nichts wissen und von Dunkelheit umgeben sind. Als Trauerarbeit wird er mit seiner Frau Karin auf die Kanareninsel La Palma reisen, um endlich durch das große Teleskop zu blicken, was seine Hobbykarriere als Astronom veredeln und zur allgemeinen Beruhigung beitragen soll.

In Las Palmas steht vorerst das Weltall weniger im Focus als eine chilenische Vogelkundlerin. Sara lüftet bald ihr Geheimnis, sie ist unter Pinochet gefoltert worden, und ihre Schwester hat man zum Verschwinden gebracht, wie diese schreckliche Fügung heißt. Rund ums Teleskop kommt es schließlich zur Zuspitzung. Der ehemalige Folterer arbeitet als Astronom, ein spanischer Chauffeur entpuppt sich durch ein Tattoo als Angehöriger einer Widerstandsbewegung, die offene Fälle aus Franos Zeiten rächen muss.

Im Kapiteldreischritt Das Verschwinden, Die Verschwundenen, Die Vergeltung kommt es im letzten Teil zum Showdown im wahrsten Sinne des Westernwortes. Bei einer Führung zum Teleskop soll der ehemalige Folterknecht Pinochets erschossen werden. Adrian ist begeistert von dieser Idee, dass man endlich auf der Erde Tabula rasa macht, anstatt ständig in die Unendlichkeit des Weltraums zu glotzen. Wie es bei Attentaten üblich ist, gehen sie ganz anders aus als geplant. Das genaue Ende darf hier nicht verraten werden. (biblio.at)

 

 

Walter Moers – Prinzessin INsomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Dylia, die sich selbst »Prinzessin Insomnia« nennt, ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien. Eines Nachts erhält sie Besuch von einem alptraumfarbenen Nachtmahr, der sich ihr als Havarius Opal vorstellt. Er kündigt an, die Prinzessin in den Wahnsinn treiben zu wollen. Vorher bietet er ihr noch die Gelegenheit zu einer abenteuerlichen Reise: nach Amygdala, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert. Dylia willigt ein, weil es nicht nur um ihren Verstand, sondern auch um ihr Leben geht. Walter Moers erzählt dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller skurriler Charaktere mit der ihm eigenen Komik: spannend und anrührend zugleich. (Knaus Verlag)

 

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Den Beginn dieses sehr feinmaschig gewebten Romans markiert Victor Hugos Sinnspruch, dass Träumen das Glück sei, Warten das Leben. „Fortsetzung folgt“, heißt es abschließend, womit wohl angedeutet wird, dass das ambitionierte Projekt EU ein „work in progress“ sei. Aufgefächert auf etwa zehn Personen (es sind dies eine Handvoll in den EU-Institutionen agierende Figuren sowie der in einem mysteriösen Mordfall ermittelnde Kommissar Emile Brunfaut, der den polnischen Auftragskiller jagt) wird ein diffiziles Bild der Europapolitik in Brüssel und der Mechanismen in ihren Institutionen gezeichnet. Die extrem tüchtige, talentierte und sehr hübsche griechische Zypriotin Fenia Xenopoulou ist, weil bald 40, von inneren Zweifeln geplagt. Sie leitet die Kommunikation im Alibiressort „Kultur“ und hat das „Big Jubilee Project“ an sich gezogen, das das EU-Image verbessern soll. Ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter ist der Österreicher Dr. Martin Susman. Er ist bäuerlicher Herkunft und sein Bruder Florian, ein großer Schweinebauer und Standesvertreter, erwartet von ihm Lobbyismus in Brüssel, damit er Schlachtabfälle wie Schweinsohren an die Chinesen verkaufen darf. Der verwitwete DDr. Alois Erhart, emeritierter Volkswirtschaftsprofessor, soll in einem Think-Tank der Kommission ein Referat halten. Der in ein Altersheim übersiedelte, traumatisierte Holocaust-Überlebende David de Vriend soll für das „Big Jubilee Project“ als Vorzeigefigur kontaktiert werden, denn eigentlich sollte die Union eine richtige Hauptstadt bekommen und die müsse Auschwitz sein. Nationalismus und Rassismus hätten zu Auschwitz geführt – und die Devise „Nie wieder Auschwitz“ sei der Grund für das Einigungsprojekt gewesen. (biblio.at)

 

 

Paulus Hochgatterer – Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Während der Alltag zwischen Arbeit und kirchlichen Festen seinen gewöhnlichen Fortgang nimmt, wird die kleine Welt des Leithnerhofes mehr und mehr zum Schauplatz und Spielball des großen Kriegsgeschehens. Als nach einem aus den Trümmern geretteten donauschwäbischen Mädchen mit „Kriegsschaden“ auch noch ein geflüchteter russischer Kriegsgefangener am Hof strandet und kurze Zeit später drei Wehrmachtssoldaten Quartier beziehen, spitzt sich die Lage zu. Am Ende wird der Großvater wortlos handeln.

An den Eingang der Erzählung setzt Hochgatterer als eine Art Motto eine Definition von „Ausnahmezustand“ – und in einem solchen Ausnahmezustand leben sie alle, die hier unter einem Dach zusammenfinden, miteinander leben, einander skeptisch beobachten. Wie jedes Jahr sind die Schwalben zurückgekommen, am Himmel tauchen aber auch Bomber auf, die Kurs auf die kriegswichtigen Nibelungenwerke in St. Valentin nehmen. In kurzen Episoden, dem Kalender folgend, erleben wir zwei Wochen, in denen das Private und der Krieg in ein zunehmend gefährliches Ringen miteinander geraten. Sinniert wird viel, geredet wird wenig, und selbst die Erzählperspektive befindet sich in einer Art Ausnahmezustand, denn berichtet wird meist aus dem Blickwinkel der 13-jährigen Nelli, jener Verschütteten und Kriegsgeschädigten, die sich hinter ihrer Verletztheit doch einen wachen Geist bewahrt hat. Dazwischen eingefügt finden sich kleine Binnenerzählungen – Rettungsgeschichten um ein Kind und einen amerikanischen Flieger zeigen, wie in Ausnahmesituationen kurze Momente über Leben und Tod entscheiden.

Paulus Hochgatterer hat hier einen außergewöhnlichen und beeindruckenden Text vorgelegt: Kleine unverbundene Szenen entwickeln in der Präzision ihrer Erzählung eine Kraft, die einen geradezu nötigt, die verstreuten Erzählsplitter in der eigenen Vorstellung zu einem größeren Zeitspiegel zusammenzufügen. (biblio.at)

 

 

Rick Riordan – Percy Jackson – Im Bann des Zyklopen

Percys siebtes Schuljahr verläuft einigermaßen ruhig – einigermaßen. Wenn da nicht diese Albträume wären, in denen sein bester Freund in Gefahr schwebt. Und tatsächlich: Grover befindet sich in der Gewalt eines Zyklopen. Zu allem Übel ist Camp Half-Blood nicht mehr sicher: Jemand hat den Baum der Thalia vergiftet, der die Grenzen dieses magischen Ortes bisher geschützt hat. Nur das goldene Vlies kann da noch helfen.
Carlsen setzt mit diesem Band die erfolgreiche Comic-Adaption des Bestsellers von Rick Riordan pünktlich zum Filmstart fort. (Carlsen Verlag)

 

 

Rick Riordan – Percy Jackson – Der Fluch der Titanen

Bei den Göttern des Olymp herrscht Untergangsstimmung, denn die Titanen rüsten zum Krieg! Percy muss unbedingt bis zur Sonnenwende die Göttin Artemis befreien, die in die Klauen der finsteren Mächte geraten ist. Ein Abenteuer, das ihn und seine Freunde den gefährlichsten Kreaturen der griechischen Mythologie gegenübertreten lässt – und tödliche Gefahren birgt. Aber die Titanen haben offensichtlich vergessen, dass Percy mit allen Wassern gewaschen ist. Schließlich ist er der Sohn des Poseidon! (Carlsen Verlag)

 

Eric Ambler – Topkapi

Die griechische Hauptstadt Athen ist der Ausgangspunkt dieses Kriminal- bzw. Spionageromans, der einen über Saloniki nach Istanbul führt. Es ist aber nicht nur die spannende Handlung, die fesselt, es ist der beinahe schwarze Humor, der dem Buch seinen Charakter verleiht. Die etwas zwielichtige Gestalt Arthur Abdel Simpson erzählt in Ich-Form diese abwechslungsreiche Geschichte rund um Kriminalität, Spionage und Geheimdienst. Am Anfang etwas langatmig, steigert sich die Geschichte aber bald und wird rasanter. Der Held wird im Laufe der Erzählung immer sympathischer, man fühlt mit ihm, kann sich beinahe mit ihm solidarisieren und staunt über seinen Einfallsreichtum und Mut. Die Szenerie am Bosporus und Istanbul erscheinen einem vor dem geistigen Auge, die agierenden Personen, seien es nun der türkische Geheimdienstoffizier, die internationalen Gauner oder auch der trunksüchtige Koch, sind herrlich gezeichnet. (biblio.at)

 

 

50 Jahre LTB – Neuauflage der ersten 10 Lustigen Taschenbücher

Früher war alles … anders!

Zum Beispiel hatten die ersten Ausgaben des Lustigen Taschenbuchs noch schwarz-weiße Seiten. Anlässlich des 50-jährigen LTB-Jubiläums erscheint die LTB Nostalgie-Edition. Die Sammelbox enthält die originalgetreuen Nachdrucke der Bände Nr. 1 – 10 des Lustigen Taschenbuchs aus dem Jahr 1967 bis 1969.

 

 

Franzobel – Das Floß der Medusa

Zu seinem 50. Geburtstag hat sich Franzobel selbst ein Geschenk gemacht: Sein neuer Roman ist erschienen. Franzobel ist „einer der populärsten und polarisierendsten österreichischen Schriftsteller“, so das ÖAMTC-Magazin „auto touring“ über ihren Kolumnisten, und er wird seinem Ruf gerecht. Man ist an seine opulente Sprache gewohnt, an diese faszinierende Mischung aus barocker Derbheit und kunstvoller Wortakrobatik, aber diesmal kommt noch ein unglaublicher Wortschatz dazu. Man muss aber nicht wissen, was Rahen oder Klüver sind, was auffieren bedeutet oder wie die Takelage eines Segelschiffes des 19. Jahrhunderts zu handhaben war.

Man taucht von der ersten Seite in diese Epoche ein, als wäre man ein Zeitzeuge, so lebendig beschreibt Franzobel die Geschehnisse, die zum Untergang der Medusa führen. Dabei kommt man mit den unterschiedlichsten Charakteren zusammen, sodass man sich viel mehr auf Sebastian Brants „Narrenschiff“ wähnt als auf der „Titanic“. Wie eine griechische Tragödie lässt der Autor seinen Roman voranschreiten, um am Ende den LeserInnen doch noch einen Rettungsanker zuzuwerfen. Ein Buch, das wohl in jede österreichische Bibliothek gehört: Es hat literarische Qualität und ist trotzdem unterhaltsam.

 

 

DVD – Tschick

Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“

Zwei sympathische Außenseiter, ein gelungenes Roadmovie und der beste aller Sommer. Für Jugendliche ab 15. (DR)

Eine Reise quer durch Ostdeutschland, hinaus aus der Trostlosigkeit, der emotionalen Kälte und hinein ins Leben – davon erzählt Wolfgang Herrndorf hier kongenial. Schnell ist man mitten in dieser abenteuerlichen Geschichte zweier Anti-Helden, die sich gut und äußerst schnell liest: In lockerem Plauderton lässt der Autor seinen 14-jährigen Ich-Erzähler Maik Klingenberg aus seinem tristen Alltag erzählen. Es ist ein trostloses, deprimierendes Leben, das der Sohn eines eben bankrott gegangenen Geschäftsmanns und einer Alkoholikerin fristet. Die Ferien haben gerade begonnen, die Mutter bricht in die Entzugsklinik auf, der Vater fährt mit seiner attraktiven Assistentin auf „Geschäftsreise“. Dass ihn Tatjana, das tollste Mädchen der Klasse, in das er heimlich verliebt ist, nicht zu der sehnsüchtig erwarteten Geburtstagsfeier einlädt, macht das Ganze nicht besser. Um (sich) zu beweisen, dass er kein Feigling und Langweiler ist, geht Maik auf den wahnwitzigen Vorschlag seines neuen Mitschülers Tschick ein: Eine Reise quer durch Deutschland in einem geknackten, ähm pardon, geliehenen alten Lada – Urlaub halt, wie ihn „normale Leute machen“. Und so machen sich der vereinsamte Sohn aus reichem Elternhaus und der intelligente „russische Assi“ auf zu einer nicht ganz normalen Autofahrt – da kommt es zu kuriosen Bekanntschaften, irrwitzigen Verfolgungsjagden und tragischen Vorfällen…

 

 

Walt Disney – Hier bin ich Ente, hier darf ich´s sein

Betrachtet man die tragischen Helden der deutschen Literatur, wie beispielsweise Faust und Werther, so fällt Donald Duck nur auf den ersten Blick aus der Reihe. Denn in den Klassikern „Doktor Duckenfaust“ und „Die Leiden des jungen Ganthers“ schlüpft Donald höchstselbst in die Rolle von Johann Wolfgang von Goethes Figuren und stellt unter Beweis, dass auch eine Ente tragische Erlebnisse epischen Ausmaßes durchleben muss. Dieser Band präsentiert neben der Comicumsetzung von Goethes Werken mit „Donald und die Räuber“ außerdem ein weiteres Meisterwerk von Friedrich Schiller. Ein literarischer Leckerbissen für alle Entenhausener Fans.

 

 

Bertolt Brecht und Ulf K. – Geschichten vom Herrn Keuner

Diese Situation ist typisch für die Geschichten vom Herrn Keuner: eine einfache, alltägliche Ausgangsfrage und die überraschende, unerwartete Antwort. Die dialogisch-dialektische Struktur dieser parabelhaften Prosaminiaturen und ihr subtiler Humor eignen sich eigentlich hervorragend für die Umsetzung als Comic. Dennoch kann es nicht verwundern, dass sich bislang noch niemand an sie herangetraut hat, denn: Wie lassen sich Denkbilder in gezeichnete Bilder umsetzen? Und wie lässt sich Bertolt Brechts Kunst- und Spielfigur Keuner, die durchaus autobiografische Züge trägt und dennoch als ein Mann ohne Eigenschaften gilt, überhaupt darstellen?

Ulf K., einer der international renommiertesten deutschen ComicKünstler, hat es nun gewagt und überrascht mit einem Herrn K., der absolut zeitlos-modern ist und dennoch unser Zeitgenosse sein könnte. Diese schwungvoll-frische Adaption erweckt den Eindruck, Brecht habe die Geschichten soeben erst für unsere unmittelbare Gegenwart geschrieben und uns gemeinsam mit Ulf K. ein ebenso intellektuelles wie ästhetisches Vergnügen beschert.

 

 

T. C. Boyle – Die Terranauten

In einem geschlossenen Ökosystem unternehmen Wissenschaftler in den neunziger Jahren in den USA den Versuch, das Leben nachzubilden. Zwei Jahre lang darf keiner der acht Bewohner die Glaskuppel von „Ecosphere 2“ verlassen. Egal, was passiert. Touristen drängen sich um das Megaterrarium, Fernsehteams filmen, als sei es eine Reality-Show. Eitelkeit, Missgunst, Rivalität – auch in der schönen neuen Welt bleibt der Mensch schließlich doch, was er ist. Und es kommt, wie es kommen muss: Der smarte Ramsay verliebt sich in die hübsche Dawn – und sie wird schwanger. Kann sie das Kind austragen? T.C. Boyles prophetisches und irre komisches Buch basiert auf einer wahren Geschichte.

 

 

Paul Auster – 4321

Paul Auster, der bekannte amerikanische Bestsellerautor, legt in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk und Opus magnum vor: die vierfach unterschiedlich erzählte Geschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – ein Epos voll mit Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und dem wechselvollen Spiel des Zufalls.

‚4 3 2 1‘ – das sind vier Variationen eines Lebens: Archibald Ferguson, von allen nur Archie genannt, wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. „Was für ein interessanter Gedanke“, sagt er sich als kleiner Junge, „sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen konnte.“
Im Verein mit der höheren Macht einer von Paul Auster raffiniert dirigierten literarischen Vorsehung entspinnen sich nun vier unterschiedliche Versionen von Archies Leben: provinziell und bescheiden; kämpferisch, aber vom Unglück verfolgt; betroffen und besessen von den Ereignissen der Zeit; künstlerisch genial begabt und nach den Sternen greifend. Und alle vier sind vollgepackt mit Abenteuern, Liebe, Lebenskämpfen und den Schlägen eines unberechenbaren Schicksals …
‚4 3 2 1‘ ist ein faszinierendes Gedankenspiel und ein Höhepunkt in Austers Schaffen.

 

 

Bernhard Aichner – Totenrausch

Blum – von der Rache nehmenden Witwe zur Auftragsmörderin?Ein Neuanfang in Hamburg. Ein Haus in einem der schönsten Viertel, Arbeit für Blum, neue Pässe für sie und die Kinder. Blum weiß, dass die Idylle trügt. Dass sie die Morde, die sie begangen hat, nicht ungeschehen machen kann. Und Schiele irgendwann auf ihren Deal zurückkommen wird. Dass sie ihre Schuld begleichen und jemanden für ihn töten muss. Leichtsinnig und naiv hat sie ihr Schicksal in die Hände des unberechenbaren Hamburger Zuhälters gelegt, als da kein anderer Ausweg auf der Flucht mehr war.

Wozu die Bestatterin Blum fähig ist, hat Bernhard Aichner bereits in „Totenfrau“ und „Totenhaus“ gezeigt, als er den Rachefeldzug der liebevollen Mutter und trauernden jungen Witwe temporeich inszenierte. Grausig und brutal geht es in den Thrillern des Tirolers zu, wenn Blum – durch ihr „Handwerk“ routiniert im Umgang mit Leichen – die von ihr Ermordeten entsorgt. Das Verstörendste ist aber wohl, dass man Sympathien für diese verletzte Frau hegt. Das gelingt Aichner mit einer emotional aufgeladenen Prosa, die einem nahe gehen, einem unter die Haut kriechen will. Denn Blum ist auch Opfer und bis zu einem bestimmten Grad kann man verstehen, wie all das einfach passiert. Wie die Grenzen verschwimmen, als Blum erfährt, dass ihr Mann einem bestialischen Verbrechen auf der Spur war und deshalb sterben musste. Wie Mord und Vergeltung zum Ventil für Blums Schmerz werden.

Es ist ein Leichtes, sich von den knappen Sätzen, die die Handlung rasant vorantreiben und gleichzeitig einen ganz eigenen Sound entwickeln, mitreißen zu lassen. Dieser stakkatoartige Stil, der hervorragend zu dem sich verselbständigenden Rachefeldzug der entfesselten Blum in „Totenfrau“ passt, wirkt nun aufgesetzt. Und dass die toughe Blum in absolut jeder Situation die Männerwelt betört, wissen wir mittlerweile auch schon. Ob alles gut wird, wie sich Blum mantraartig vorsagt, sei hier selbstverständlich nicht verraten – nur so viel: Aichner hat viele überraschende Wendungen parat, die die Spannung aufrechterhalten und das Ende für mich weniger vorhersehbar machten als bei den Vorgängerromanen.

Insgesamt kommen die Fortsetzungen für mich nicht an „Totenfrau“ heran – der Vollständigkeit halber sollte man Teil 2 und 3 aber ebenfalls in der Bibliothek einstellen. Nachgefragt werden die Bestseller mit Sicherheit und unterhaltsamer Lesestoff sind sie sowieso! (biblio.at)

 

 

Marjane Satrapi – Persepolis

persepolisAutobiographischer Comic aus der Perspektive eines Mädchens nach der islamischen Revolution im Iran (ab 14)

Ein Mädchen erzählt von Unterdrückung und Gewalt. An einen Comic denkt man dabei zuletzt. Doch die 1969 in Teheran geborene Grafikerin und Illustratorin Marjane Satrapi zeigt mit ihrem vielfach ausgezeichneten Comic „Persepolis“, dass sich dieses Genre, das für harmlos-lustige Bildergeschichten reserviert scheint, auch ganz hervorragend für Gesellschaftskritik aus autobiografisch-literarischer Perspektive eignen kann.

Satrapis „Comic-Autofiction“, wie sie es selber nennt, ist im Original in Frankreich erschienen, der Wahlheimat der Autorin. Dort wurde das Buch zum Bestseller und bald darauf in mehrere Sprachen übersetzt. Auf Deutsch sind die ersten beiden Bände „Eine Kindheit im Iran“ und „Jugendjahre“ in der Edition Moderne erschienen. Band 1 liegt jetzt als Taschenbuchausgabe bei Ueberreuter vor, und diese preisgünstige, schlabbrige Variante trägt hoffentlich dazu bei, dass der Comic von Jugendlichen gekauft und gelesen wird.

In schlichten, stilistisch ganz zurückgenommenen Schwarz-Weiß-Bildchen erzählt Satrapi aus der Sicht eines Mädchens namens Marji, was nach dem Sturz des Schah-Regimes 1979 im Iran geschah. Kopftuchzwang schon für Schulmädchen, Schließung zweisprachiger Schulen, strikte Trennung der Geschlechter sind die ersten Folgen eines Regimes, das Menschen, unter ihnen auch Marjis Onkel Anusch, aus politischen Gründen foltert und hinrichtet. Marji, einzige Tochter linksintellektueller Eltern, begehrt früh gegen die Einschränkung ihrer Freiheit und der anderer auf.

Die naiv anmutenden Bildchen, mit denen Satrapi die bitteren, aber niemals verbittert geschilderten Erfahrungen ihrer Heldin illustriert, stehen in wirkungsvollen Kontrast zu drastischen Ereignissen wie der Bombardierung Teherans mit Scud-Raketen, die in Marji und ihren Eltern wiederum patriotische Gefühle aufkommen lassen. Im Gegensatz zu dieser von außen kommenden Gewalt stehen die inneren Zwänge und Repressalien. So wird Marjis Mutter eines Tages übel von zwei bärtigen Männern beschimpft: „Sie sagten, Frauen wie mich sollte man auf der Straße durchficken und dann auf dem Müll schmeißen.“ Als Konsequenz aus Ereignissen wie diesen beschließen die Eltern, Marji im Alter von 14 Jahren allein auf eine französische Schule nach Wien zu schicken. Auf dem letzten Bild trägt der Vater die ohnmächtig gewordene Mutter aus der Abflughalle des Teheraner Flughafens. Sein Gesicht ist ganz und gar schwarz.

 

 

Bernhard Aichner – Totenfrau

Totenfrau von Bernhard AichnerBlum, zweifache Mutter und Bestatterin, wird nach dem Tod ihres Mannes zur gnadenlosen Rächerin. (DR)

Blum, Adoptivtochter eines Bestattungsunternehmerehepaares, durchlebt eine Kindheit ohne Liebe, Zuwendung oder Fürsorge. Stattdessen wird sie zur Mithilfe im elterlichen Unternehmen genötigt, keine Tätigkeit bleibt ihr erspart. Dies hinterlässt tiefe Spuren in der kindlichen Seele. Kaltblütig rächt sie sich für diese gestohlene Lebenszeit. Dass sie bei dieser Gelegenheit die Liebe ihres Lebens kennenlernt und mit ihm Jahre des Glücks durchlebt, scheint sie für die Entbehrungen zu entschädigen. Doch dann stirbt ihr Mann bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht. Durch Zufall stößt sie auf Tonbandaufzeichnungen einer jungen Frau, die ihrem Mann von einem unglaublichen Martyrium erzählte und ihn um Hilfe bat. Somit erscheint der Unfall in einem ganz neuen Licht…

Kurze Sätze und spärliche Dialoge prägen den Schreibstil von Bernhard Aichner. Die Geschichte hat mich persönlich nicht gefesselt, überraschende Wendungen, die Spannung aufbauen hätten können, fehlten – der Verlauf war leicht vorhersehbar. Die Schilderungen des Leidensweges der jungen Frau sind unnotwendig brutal, die Geschichte ist in ihrer Gesamtheit nicht glaubwürdig – für mich fehlt damit ein weiteres wichtiges Kriterium eines guten Thrillers.

Ungeachtet dessen werden viele LeserInnen interessiert sein, sich selbst ein Bild zu machen – gerade da dieses Buch des österreichischen Autors zur Zeit viel beworben und gelobt wird.

 

 

Bernhard Aichner – Totenhaus

Totenhaus von Bernhard Aichner

Im zweiten Band rund um die Bestatterin Blum muss sich diese mit ihrer toten Zwillingsschwester und deren Adoptivfamilie auseinandersetzen. (DR)

Die als Kind von einem Bestatterehepaar adoptierte Brünhilde Blum, selbst als Bestatterin in Innsbruck tätig, ist nach dem Tod ihres über alles geliebten Mannes Mark alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Mädchen. Während eines Urlaubs am Meer entdeckt sie in einer Zeitschrift das Foto einer toten Frau, die ihr bis aufs Haar gleicht. Entsetzt macht sie sich auf die Suche. Hatte sie etwa eine Zwillingsschwester, die damals von einer anderen Familie adoptiert wurde? Unterdessen werden auf einem Innsbrucker Friedhof zwei Leichen in einem Sarg gefunden, wo eigentlich nur ein Toter liegen sollte. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus und der Verdacht fällt schnell auf die damalige Bestatterin Blum, die sofort zur Fahndung ausgeschrieben wird. Während die Polizei nach ihr sucht, kommt Blum der Geschichte ihrer toten Schwester immer näher. So beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Wie im ersten Band („Totenfrau“) wird die lieblose Kindheit bei ihren Adoptiveltern kontinuierlich thematisiert und Blum verfällt bei diesen Gedanken in ein für die LeserInnen zusehends ermüdendes Lamento. So liest sich der Thriller aufgrund der oft sehr verkürzten Sätze an vielen Stellen wie ein innerer Monolog der Protagonistin. Auch die sehr knapp gehaltenen Dialoge tragen zu diesem Eindruck bei. Zwischen der eigentlichen Geschichte denkt die Protagonistin außerdem immer wieder mit viel Wehmut an ihren verstorbenen Mann.

Wer einen packenden Thriller mit spannenden Überraschungsmomenten erwartet, ist mit dieser Geschichte wohl falsch bedient. Der Autor versucht sich zwar an unerwarteten Wendungen, diese wollen ihm aber nicht so ganz gelingen und bleiben vorhersehbar. Einzig die ruhelose Atmosphäre des Buches, die durch die Flucht Blums vor der Polizei entsteht, garantiert ein atemloses Gefühl beim Lesen.

Österreichische Bibliotheken werden den Thriller mit Österreich-Bezug sicherlich anbieten wollen. Einmal lesen reicht und die LeserInnen können sich selbst ein Bild von dem von vielen hoch gelobten Autor machen, dessen Werk „Totenfrau“ sogar ins Koreanische übersetzt wurde.

 

 

Sebastian Fitzek – Das Joshua-Profil

joshuaEin Computerprogramm sieht eines der grausamsten Verbrechen voraus, das bald geschehen wird, angeblich ausgeführt von einem liebenden Ehemann und Vater. (DR)

Joshua, ein Programm zur Verbrechensvorhersehung, sieht voraus, dass Max Rhode, ein bisher unbescholtener Thriller-Autor, Ehemann und Pflegevater von Jola, ein grausames Verbrechen begehen wird. Max wird gewarnt, kann dies aber zuerst nicht glauben. Als bald darauf Jola ohne die geringste Spur verschwindet und auch noch das Jugendamt vor der Tür steht, das Jola zu ihren leiblichen Junkie-Eltern zurückbringen will, brennen Max die Sicherungen durch. Kurzerhand stiehlt er ein Auto. Wie blöd, dass die Fahrerin noch am Steuer sitzt. Anfänglich noch voller Wut auf ihren Kidnapper, erkennt auch sie rasch die Gefahr, in der sich Max und Jola befinden, und beginnt, ihnen zu helfen. Auch Max‘ Bruder Cosmo stößt zu ihnen und unterstützt sie im Kampf gegen die Leute hinter „Joshua“. Einziger Haken: Cosmo ist ein verurteilter Pädophiler, der eigentlich im Hochsicherheitsgefängnis sitzen sollte. Warum hat er Max ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren, in denen Funkstille herrschte, aufgesucht? Hat er etwas mit dem Verschwinden von Jola zu tun? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Wer Fitzek erwartet, ist mit diesem Buch gut bedient. Kaum glaubt man, das Rätsel entwirrt zu haben, wendet sich die Handlung abermals. Die Darstellung der Figuren ist ein wenig dünn geraten, das „Böse“, das in Cosmo zu schlummern scheint, kommt nicht so recht durch und überzeugt nicht ganz und auch die schlussendliche Auflösung ist etwas aus dem Hut gezaubert.

Interessantes Detail am Rande: Den im Roman erwähnten und zitierten Bestseller aus der Feder der Hauptfigur Max Rhode gibt es wirklich. Fitzek hat ihn unter dem Pseudonym Rhode verfasst, beide Thriller sind im Oktober 2015 erschienen, die Rezension dazu findet sich ebenfalls in dieser bn-Ausgabe.

Fazit: Ein spannender Thriller, der den gewohnt guten Schreibstil Fitzeks garantiert, manchmal allerdings hinter den vielleicht zu hohen Erwartungen zurückbleibt.

 

 

Jonas Jonasson – Die Analphabetin, die rechnen konnte

analphabetinKönigin und Analphabetin

Alan Bennetts Liebeserklärung ans Lesen, „Die souveräne Leserin“, führt zuerst einmal zu einem Bücherbus der Bezirksbibliothek der City of Westminster, der zufälligerweise in einem der Höfe des königlichen Palastes parkte. Die Queen of England folgte ihren Hunden und traf im Bücherbus nicht nur einen überaus dezenten Bibliothekar, sondern auch noch einen jungen Mann, der hier saß und las. Höflichkeit ist eine Königstugend, doch die höfliche Geste des Ausleihens eines Romans verändert die Queen, ihre Gespräche und ihre Einstellung zu den Menschen. „Und welches Buch lesen Sie gerade?“ – Diese Frage ordnet die Herrschaftsverhältnisse im Palast neu und belebt nicht nur das altehrwürdige Gemäuer. Jane Austen, Dostojewski oder auch Texte zum Feminismus öffnen der Queen neue Welten, sie will vertane Zeit aufholen, endlich mit Interesse die Tage füllen, Fragen stellen und auf Floskeln verzichten. Diese neue Weltsicht verwirrt die Hofschranzen, fördert neue Intrigen und lässt dennoch alle Ränkespiele ins Leere laufen: Die Queen, die in den Bücherbus stieg und zu lesen begann, regiert mehr denn je. Diese Leichtigkeit, mit Ironie sanft aromatisiert, schien bisher unübertreffbar, das Buch wurde zum offenen Geheimtipp. Bis dieser Jonas Jonasson, der bereits mit seinem

Romanerstling „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ jede Bestenliste erklomm, nun seinen Zweitling „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ vorlegte. Er beginnt im Slum von Soweto/Südafrika und präsentiert eine dem Schicksal trotzende Heldin. Ob sie zu Beginn ihrer Odyssee zwölf oder doch schon 14 Jahre alt ist, will später niemand mehr ermitteln, sie geht einfach ihren Weg. Bald wird sie Chefin der Latrinenleer-Truppe und vertreibt sich während dieser Schwerarbeit trübe Gedanken mit komplizierten Rechnungen. Dass sie bald einen kauzigen Alten trifft, der ihr nicht nur Geschichten erzählt, ist ihr Glück und dessen Untergang. Die Geschichte des Mädchens, das Dank seiner Begabung politische Beraterin in Südafrika und später Hüterin einer Atombombe wird, führt über viele Prüfungen zum glücklichen Ende. Ohne Kitsch, ganz im Sinne des klassischen Schelmenromans, deckt die Protagonistin Nombeko Mayeki Intrigen auf, lässt sich lieber als Putzfrau ausnutzen, als in Freiheit töten und träumt manchmal noch von der Liebe.

 

 

Alek Popov – Schneeweißchen und Partisanenrot

popov_praesi.inddEine Politsatire? – Widerstand gegen die Macht und die Machtlosigkeit im Sog der Geschichte. (DR)

Die Zwillinge Kara und Jara, beide besuchen das Gymnasium in Sofia, entschließen sich aus ideellen Gründen, 1941 den bulgarischen Partisanen beizutreten. Sie verlassen ihr bequemes geschütztes Zuhause und stürzen sich in ein ungewisses Abenteuer, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Trotz ihres mutigen Einsatzes im Kampf und den harten Umgang der Genossen mit ihnen, den sie widerstandslos akzeptieren, werden sie der Spionage verdächtigt. Nicht nur dem feindlichen Hauptmann ist ihre bürgerliche Herkunft ein Dorn im Auge, sondern auch den eigenen Kameraden. Sie flüchten und werden getrennt, erst Jahre später sehen sie sich wieder.

Ein starkes Buch! Berührend, beklemmend und ernüchternd. Wahrheit oder Fiktion? Geschichte oder Gegenwart? Fragen bleiben offen. Der Autor erzählt von menschlichen Abgründen, die global unser Weltbild umspannen. Mit Leidenschaft und Schonungslosigkeit schildert er die Grausamkeit und die Verlogenheit der Mächtigen, um die Masse des gutgläubigen Volkes gefügig zu machen. Verblendung und Vernachlässigung des sozialen Gewissens treiben junge, naive und leicht formbare Menschen in den Abgrund. Ihr Glauben an ein gutes, gerechtes und menschenwürdiges Leben wird schamlos ausgenutzt.

Die oft absurd anmutenden Darstellungen des Autors scheinen dennoch wirklichkeitsnah und authentisch. Die tragikomischen Elemente lassen einem das aufkommende Lächeln nicht allzu breit werden und zugleich Zusammenhänge zwischen Leben und dem „nackten“ Überleben schnell erkennen. Ein spannender Politthriller, in dem es keine Gewinner gibt. Der Schreibstil wirkt leicht und unbeschwert, der Roman ist dadurch auch für junge LeserInnen bestens geeignet.

 

 

Marc Elsberg – Helix

helixEin Internetaktivist zeigt der Welt, dass die totale Überwachung und Manipulation durch die elektronischen Medien eine reale Bedrohung darstellt. (DR)

Der Präsident der Vereinigten Staaten wird auf einer Veranstaltung durch ferngesteuerte Drohnen angegriffen. Die Drohnen sind zwar nicht mit Waffen, dafür aber mit Kameras ausgestattet, die live die Bilder eines hilflosen und verängstigten Präsidenten nebst Bewacher ins Internet übertragen. Die Aktion wird vom Internetaktivisten „Zero“ durchgeführt. Er möchte die Menschheit wachrütteln und die Bedrohung, die von den modernen Medien ausgeht, aufzeigen. Die Reporterin Cynthia Bonsant wird auf die Zero-Story angesetzt, ihr Chef rüstet sie dafür mit einer Datenbrille aus. Mit deren Hilfe können Daten über Orte und Personen mittels Gesichtserkennungssoftware sofort online abgerufen werden – unbemerkt für jeden anderen. Als ein Freund von Cynthias Tochter in London erschossen wird, während er mit Cynthias Datenbrille auf Verbrecherjagd geht, beginnt die Journalistin zu recherchieren.

Ihre Nachforschungen führen sie zu der äußerst erfolgreichen Internetplattform Freemee, die ihren Usern einen Ratgeber für alle Lebensbereiche bietet. Er animiert zu mehr Sport, hilft bei der Karriereplanung, in der Schule und fungiert als Stylingberater. Das Konzept funktioniert. Sogar Cynthias Tochter hat sich mit Hilfe dieser Software von einer Gothic-Braut zur „normalen“ und erfolgreichen Schülerin gewandelt. Doch die Journalistin erkennt schnell die Gefahr, die von dieser Software ausgeht: Die Menschen werden durch die hinterlegten Algorithmen beeinflusst und in jede gewünschte Richtung hin manipuliert, der Handel mit persönlichen Daten ist ein Milliardengeschäft. Diese Erkenntnis bringt die Reporterin in große Gefahr und macht sie zur Gejagten. Ein Entkommen scheint unmöglich in einer Welt voller Datenbrillen, Smartphones und Überwachungskameras. Trotzdem macht sie sich daran, die wahren Ziele von Freemee aufzudecken und riskiert dabei ihr Leben und das ihrer Freunde und Familie.

Dieser äußerst spannende Roman im Stil von George Orwells „1984“ regt zum Nachdenken über die Nutzung und Bereitstellung von persönlichen Daten im Internet an. Die dabei beschriebenen technischen Voraussetzungen sind bereits Realität. Smartphones mit ständiger GPS-Standortüberwachung durch unbemerkt im Hintergrund laufender Software, Datenbrillen, Gesichtserkennungssoftware und vieles mehr sind heute in der ersten Welt beinahe flächendeckend im Einsatz. Lediglich die Ratgeberprogramme sind heute noch nicht so ausgefeilt wie im Roman beschrieben – die Frage ist nur: Wie lange noch? Sehr zu empfehlen.

 

 

Donna Tartt – Der Distelfink

Der Distelfink von Donna Tartt

Fesselnder amerikanischer Gegenwartsroman, in dessen Angelpunkt das Meisterwerk eines niederländischen Malers steht. (DR)

Die als öffentlichkeitsscheu geltende und sehr zurückgezogen lebende amerikanische Erfolgsautorin Donna Tartt hat ihre Fangemeinde zehn Jahre lang auf ihren nächsten Roman warten lassen. Aber jetzt ist er da – über 1000 Seiten stark, gleich auf allen Bestsellerlisten zu finden und mit dem Pulitzer-Preis gewürdigt. In der Ich-Form und weitgehend chronologisch erzählt der Protagonist Theo Decker von seinem Leben ab jenem Schicksalstag, als seine geliebte Mutter und engste Bezugsperson bei einem Terroranschlag in einem New Yorker Museum ums Leben kommt und er selbst mit viel Glück überlebt. Ein sterbender alter Mann übergibt ihm einen Ring und bittet ihn, ein ebenfalls unversehrtes Bild – den „Distelfink“ des Rembrandtschülers Fabritius – aus dem Schutt zu retten. Dieser meisterhaft gemalte, wissend dreinblickende kleine Vogel mit einer Fußfessel begleitet und bestimmt ab nun das weitere Leben des zum Zeitpunkt des Unglücks dreizehnjährigen Theo, der zuerst für zwei Jahre bei einer vornehmen New Yorker Familie unterkommt und dann dem plötzlich aufgetauchten spiel- und alkoholsüchtigen nichtsnutzigen Vater nach Las Vegas folgen muss. Der Gesellschaftsroman wandelt sich ab dieser Station immer mehr in einen Gangster- und Kriminalroman bis zum großen Showdown in Amsterdam.

Die besondere Faszination von Donna Tartts Stil liegt in der intensiven, sinnlichen Beschreibung der Charaktere und der extremen Stimmungen, etwa vom Glück beim Betrachten eines Bildes oder der Restauration alter Möbel bis zur flirrenden Heiß-Kalt-Erfahrung beim Konsum härtester Drogen und der Verzweiflung traumatisierter Kinder. Ein großes Leseerlebnis!

 

 

Hans Platzgumer – Der Elefantenfuß

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25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl begegnen sich Überlebende und Menschen aus dem Westen in der verstrahlten Zone. (DR)

Das Gebiet um den Reaktor von Tschernobyl ist auch 25 Jahre nach der Katastrophe weiträumig, aber unregelmäßig hoch verstrahlt. Die Gefahren sind bekannt und werden dennoch nicht von allen Menschen beachtet und gefürchtet. Einige sind in die Zone zurückgekehrt: Igor, ein ehemaliger Energetiker des Kernkraftwerks, betreibt einen kleinen Laden, beschäftigt sich aber hauptsächlich mit kosmologischen Betrachtungen. Alexander befand sich zum Zeitpunkt der Explosion am Bauernhof seiner Großeltern und wurde verstrahlt. Nun ist er wieder zurückgekommen, hat ein grauenvolles Experiment an sich vorgenommen und läuft jeden Tag etliche Kilometer, als müsste er für einen Marathon trainieren. Auch Menschen aus dem Westen fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen von Tschernobyl angezogen: Phillipe und Soraya aus Genf machen sich im Sommer 2011 auf den Weg, weil sie davon überzeugt sind, an diesem Ort ein intensives Gotteserlebnis zu erfahren. Während Phillipe den Reaktor immer enger umkreist und Soraya stundenlang allein lässt, kann diese ihre Panik nur mit starken Psychopharmaka in Schach halten.

Eine unheilschwangere Atmosphäre lastet über der Landschaft und Tschernobyl erscheint als das, was es möglicherweise auch ist: der gefährlichste Ort der Welt, in dessen Zentrum sich der so genannte Elefantenfuß befindet, ein Konglomerat erstarrten Plutoniums, angereicherten Urans und ausgebrannter Brennstäbe.

Die Reaktorexplosion von Tschernobyl hat sowohl in der Natur als auch beim Menschen verheerende Auswirkungen hinterlassen. Platzgumer hat diese Veränderung unglaublich intensiv in seinem Roman, in dem die Protagonisten wie Untote agieren, wiedergegeben. In deren Wahnideen und psychotischen Abstürzen spiegeln sich die Folgen der Katastrophe, die auch als Rache der zerstörten und vergewaltigten Natur interpretiert werden kann. Ein verstörender, wichtiger Roman, der als eindringliche Warnung gerade nach dem Unglück von Fukushima besonders nachdrücklich empfohlen wird.

 

 

Flix – Don Quijote

flix-donNach seiner erfolgreichen Faust-Adaption gelingt Flix wieder eine hinreißend komische Mischung aus Klassiker und Popkultur, Slapstick und Tragik. Da kämpft der schrullige, alte Don Quijote gegen die Errichtung eines Wind(mühlen)parks und hält die Vertreter der Investoren tatsächlich für Raubritter. Langsam bemerkt der Leser, dass Don die Realität entgleitet, dass er an Alzheimer erkrankt. Nur sein Enkel Robin nimmt ihn so wie er ist. Er hält sich schließlich selbst auch für einen Ritter, für Batman – the Dark Knight.

 

 

Flix – Faust

flix-faustFlix ist zweifellos einer der produktivsten und kreativsten deutschen Zeichner der Gegenwart. Kaum hatte er die Arbeiten an seinem deutsch-deutschen Werk DA WAR MAL WAS… abgeschlossen, begann er, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen klassischen Dramenstoff umzusetzen: den FAUST von Goethe. Die Rahmenhandlung, der Wettstreit zwischen Gott und Mephisto, ist geblieben, doch Heinrich Faust ist Student vieler Fächer und… Taxifahrer in Berlin. Die vorliegende Graphic Novel enthält die komplette Geschichte in überarbeiteter Form und bietet sowohl für FAUST-Liebhaber als auch für Comic-Fans eine vergnügliche Lektüre.

 

 

Tex Rubinowitz – Irma

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Eine Pop-Roman-Biografie. (DR)

Tex bekommt eines Tages eine rätselhafte Facebook-Nachricht von seiner ehemaligen platonischen Geliebten Irma. Diese Nachricht nimmt er zum Anlass, sein bisheriges Leben Revue passieren zu lassen, untermalt von zahlreichen Musik-, Kunst- und Filmzitaten. Der Protagonist trägt denselben Namen wie der Autor und dieser spielt auch mit diesem Faktum. In zwei Kapiteln diskutiert Tex mit einem Lektor über das Buch. Eine Spezialität des Protagonisten ist es außerdem, Informationen zu sammeln, die sonst niemand kennt, und dann im richtigen Moment anzubringen. Er hat zahlreiche Liebschaften und sonstige Erfahrungen mit Frauen und Männern – keine jedoch von Dauer. Irma ist nicht die einzige Frau, die ihm Facebook-Nachrichten schickt. Er erfährt so auch die Geschichten anderer Ehemaliger.

Der Roman ist ein Wirbel aus Musik und durchzechten Nächten, Sex und enttäuschenden Beziehungen, die der Protagonist aber mit Humor nimmt. Er selbst bezeichnet sich als gefühlsimmun und tatsächlich weist er als Erzähler eine ziemlich neutrale Position auf, obwohl er allerlei intime Details preisgibt. Eine Besonderheit des Romans sind die Frauenporträts, gezeichnet von Max Müller, auf die in zahlreichen Kapiteln verwiesen wird. Tex Rubinowitz (der Echte) bekam 2014 für einen Ausschnitt aus diesem Buch den Bachmann-Preis verliehen.

 

 

Silja Ukena – Der Eismann

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Zwei einsame alte Männer sind auf ähnliche Art und Weise grausam ermordet worden: Mund und Augen verklebt, in vertrackter Weise nackt an einen Sessel gefesselt, auf dem sie an Unterkühlung qualvoll und langwierig gestorben sind. Hauptkommissar Kahn vom LKA 1 in Berlin Tiergarten, als Hüne ein wenig schwerfällig und in seiner Ermittlungsarbeit eher auf seinen Instinkt als auf moderne Profilermethoden vertrauend, wird assistiert von der jungen, unkonventionell und forsch auftretenden Laura Conti, die seiner Mordkommission neu zugeteilt worden ist. Zum ermordeten weltläufigen Bankmanager und zu dem in seiner Gartenlaube zur Eismumie erstarrten alten Hobbygärtner gesellt sich noch ein weiterer seltsamer Todesfall: Eine früher gefeierte Sängerin ist aus dem Fenster ihrer vornehmen Wohnung gestürzt oder gestoßen worden. Dass zwischen diesen drei Toten, die aus der gleichen Generation stammen, ein Zusammenhang besteht, findet Kahn bald heraus. Meist zu Fuß in verschiedenen Stadtteilen des winterlichen Berlins unterwegs, kontaktiert er u. a. einen befreundeten Journalisten, eine Musikerin und eine Historikerin mit Schwerpunkt Geschichte der DDR und wird schließlich mit dem dunklen, sehr grausamen Kapitel der Stasi-Machenschaften konfrontiert.

Kräftiges Berliner Lokalkolorit und die jüngere Vergangenheit Ostdeutschlands bilden die Grundierung dieses soliden Krimis, der geradlinig und plausibel von der Aufklärungsarbeit eines originellen Polizisten erzählt. Gut lesbar und spannend!

 

 

Peer Martin – Sommer unter schwarzen Flügeln

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Calvin, ein in Neonazikreisen verkehrender junger Erwachsener, setzt sich mit seinen Freunden für ein „befreites“ Deutschland ein. Calvins Weltanschauung beginnt jedoch zu wanken, als er Nuri, eine aus Syrien Geflohene, kennenlernt. Ihre Lebensgeschichte fesselt und berührt ihn. Was sie in Syrien erlebt hat, schockiert ihn und bringt ihn zum Hinterfragen seiner eigenen Anschauungen. Calvin und Nuri suchen die gegenseitige Nähe, was allerdings beide in eine gefährliche Lage bringt. Sowohl Calvins Freunde als auch Nuris Verwandte scheuen die gewaltvolle Auseinandersetzung nicht.

Peer Martin verpackt die Flüchtlingsthematik in die Geschichte zweier Jugendlicher. Dabei lässt er nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Flüchtlinge zu Wort kommen. Die Aktualität und Realität schockieren und machen nachdenklich, da der Roman nicht als rein fiktiv abgetan werden kann. Stufenweise können die LeserInnen die Verschärfung der Situation mitverfolgen – bis hin zu einer verheerenden Eskalation. Am Beginn jedes Kapitels werden thematisch anknüpfende Zitate angeführt, am Ende gibt es Vorschläge für eine Internetrecherche. Im Zuge der Handlung werden kulturelle, soziale und gesellschaftspolitische Bereiche angeschnitten. – Empfehlenswert.

 

 

Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

harper leeDies ist die Neuausgabe eines modernen Klassikers der Weltliteratur: ein packender Roman über Unrecht und Gerechtigkeit, über Rassismus und Fremdheit und ein flammendes Plädoyer für die Gleichheit aller Menschen.

1960 in den USA publiziert, wurde «Wer die Nachtigall stört…» schnell ein Welterfolg und eroberte die Herzen von Generationen von Lesern im Sturm. Er liegt nun in einer vollständig von Nikolaus Stingl überarbeiteten und mit einem Nachwort von Felicitas von Lovenberg versehenen Übersetzung vor.

 

 

Die Kinder des Monsieur Mathieu (DVD)

monsieurmathieuEin schweres Regiment nach dem Prinzip der Bestrafung führt der Direktor eines Internats für schwer erziehbare Jungen im Jahr 1949.

Als der neue Lehrer Clement Mathieu seine Stelle antritt, weht ein frischer Wind durch die kühlen Gemäuer: Mit Musik lockt er die Zöglinge aus ihrer Verschlossenheit und ihrem aggressivem Verhalten.

 

 

Georges Perec – Warum gibt es keine Zigaretten beim Gemüsehändler

perec‚L’infra-ordinaire‘, das unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Gewöhnlichen liegende: so lautet der Originaltitel dieser Sammlung an posthum veröffentlichten Texten Perecs. Nicht die Großereignisse, nicht die unerhörten Begebenheiten sind es, die das Leben ausmachen, sondern: ein toter Vogel. Beton, Ziegelstein, Glas. Eine Hausnummer. Wo jemand, den man flüchtig kannte, einmal gewohnt hat. Hintergrundgeräusche. Und aus den banalen Beobachtungen, belanglosen Niederschriften, pedantischen Bestandsaufnahmen kleinster Veränderungen sprießen und platzen wie stets bei Perec überraschende, schlagend allgemeine, tragikomische, poetische Wahrheiten hervor.

 

 

Julian Barnes – Lebensstufen

barnes»Ein außergewöhnlich intimes und ehrliches Buch über Liebe und Trauer« The Times. Julian Barnes schreibt über die menschliche Existenz – auf der Erde und in der Luft. Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und tief berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben. »Eines der bewegendsten Bücher, die je darüber geschrieben wurden, was in einem geschieht, wenn man den Menschen verliert, der dem Leben überhaupt einen Sinn verlieh« Tages-Anzeiger »Ein herausragendes Buch« NDR Kultur

 

 

Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar

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Siebenbürgen im Winter 1941: Die Siebenbürger Sachsen setzen ihre Hoffnung auf Nazi-Deutschland; von dort erhoffen sie sich Unterstützung und Anerkennung. Denn mit dem rumänischen Staat wollen sie eigentlich nichts zu tun haben, immer noch zehren sie von ihrer Vergangenheit als privilegierte Bewahrer der deutschen Kultur am Außenposten des Habsburger Reichs. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Hauptfigur Leontine Philippi – eine streitbare, alleinstehende, emanzipierte Frau – schreibt an der Chronik des Dorfes, diskutiert mit ihrem langjährigen Bekannten, dem Schularzt Herfurthner, unterrichtet die junge Rumänin Maria, engagiert sich politisch, lebt in der Erinnerung an eine große Liebe. Aus ihren Beobachtungen und Notizen und jenen der anderen Figuren ergibt sich ein vielschichtiges Bild einer multikulturellen Gesellschaft am Scheideweg.

Der Roman ist sehr komplex durch viele Zeitsprünge, durch Andeutungen, durch zahlreiche eingebaute Reflexionen über Geschichte, Identität und Kultur – essayistisch, poetisch, literarisch anspruchsvoll. Nominiert für den Leipziger Buchpreis 2015.

 

 

Lotta Lundberg – Zur Stunde Null

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In jedem Leben gibt es eine Stunde Null: der totale Zusammenbruch und gleichzeitig ein Neuanfang. Drei Frauen aus drei Generationen, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben angelangt sind, die vor den Ruinen ihres Lebens stehen. Gibt es für sie noch eine Chance, auch wenn das Schlimmste schon passiert ist? Die Schriftstellerin Hedwig hat ihre Tochter nicht vor den Nazis gerettet, damit sie weiter schreiben konnte. Nun muss sie mit der Schuld leben. Ihr Schicksal spiegelt sich in dem von Isa, einem wütenden jungen Mädchen, dessen Mutter fortgezogen ist, und in dem von Ingrid, die vor der Entscheidung steht, ihren Mann zu verlassen. Lotta Lundberg erzählt von ihren Träumen, Ängsten und Hoffnungen und spannt dabei den Bogen vom Berlin im Jahr 1945 bis ins heutige Schweden.

 

John Williams – Stoner

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„Stoner“ ist einer der großen vergessenen Romane der amerikanischen Literatur. John Williams erzählt das Leben eines Mannes, der, als Sohn armer Farmer geboren, schließlich seine Leidenschaft für Literatur entdeckt und Professor wird – es ist die Geschichte eines genügsamen Lebens, das wenig Spuren hinterließ.

Ein Roman über die Freundschaft, die Ehe, ein Campus-Roman, ein Gesellschaftsroman, schließlich ein Roman über die Arbeit. Über die harte, erbarmungslose Arbeit auf den Farmen; über die Arbeit, die einem eine zerstörerische Ehe aufbürdet, über die Mühe, in einem vergifteten Haushalt mit geduldiger Einfühlung eine Tochter großzuziehen und an der Universität oft teilnahmslosen Studenten die Literatur nahebringen zu wollen.

„Stoner“ ist kein Liebesroman, aber doch und vor allem ein Roman über die Liebe: über die Liebe zur Poesie, zur Literatur, und auch über die romantische Liebe. Es ist ein Roman darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein.

 

 

Danilo Kis – Familienzirkus

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In seiner Heimat Jugoslawien zunächst heftig bekämpft, wurde Danilo Kis bald als einer der größten Erzähler der europäischen Nachkriegsliteratur anerkannt. Mit seinem einzigartigen literarischen Werk schrieb er gegen das Vergessen und den Tod an. In seiner Trilogie „Frühe Leiden“, „Garten, Asche“, „Sanduhr“, die er selbst auch „Familienzirkus“ nannte, hat er dem in Auschwitz ermordeten Vater und der Kultur Mitteleuropas ein Denkmal gesetzt. Seine „Enzyklopädie der Toten“, die jetzt endlich in einer Neuübersetzung vorliegt, ist sein bekanntestes Buch geworden. Zu seinem 25. Todestag erscheinen seine wichtigsten Werke in einem Band – eine Einladung, diesen Autor immer wieder und immer neu zu lesen.

 

 

Gordana Kuic – Der Duft des Regens auf dem Balkan

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Der Duft des Regens auf dem Balkan erzählt die Geschichte der sephardisch-jüdischen Familie Salom aus Sarajevo, deren Leben mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine radikale Wendung nimmt. Fünf Frauenschicksale entfalten sich in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche. Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse zwischen 1914 und 1945 machen sich die fünf Töchter – Nina, Buka, Klara, Blanki und Riki – auf die Suche nach Entfaltung und Liebe. Dabei gehen sie, teils ohne Rücksicht auf ethnische und konfessionelle Schranken, neue Wege. Gordana Kuic schildert in ihrem Jahrhundertroman eine für immer verlorengegangene Welt: die Kultur des friedlichen Zusammenlebens von bosnisch-jüdischen, muslimischen, serbisch-orthodoxen und katholischen Gesellschaftsschichten in der vibrierenden Hauptstadt Sarajevo von damals.

 

 

Christian Schacherreiter – Wo die Fahrt zu Ende geht

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Dora und Hannes lernen einander kennen, als sie noch an die Utopie der klassenlosen Gesellschaft glauben. Im studentischen Umfeld der 70er Jahre bahnt sich eine verquere Liebesbeziehung mit Komplikationen an. Die unerwartete Wiederbegegnung nach mehr als dreißig Jahren schwemmt viele Erinnerungen an die Oberfläche, und beide sehen sich mit den ramponierten Idealen ihrer Vergangenheit konfrontiert. Einem sanften Aufglühen ihrer gemeinsamen Geschichte im „Nachsommer der Revolution“ stehen abermals Hindernisse, Verwirrungen und offene Fragen über bislang unbekannte Bedürfnisse entgegen. Sie stören jene Lebensruhe, die Hannes mittlerweile so sehr schätzt. Auf pointierte, unterhaltsame Weise erzählt Christian Schacherreiter Lebensgeschichten, die geprägt sind von der Suche nach Sinnstiftung und Zugehörigkeit.

 

 

Richard Yates – Eine strahlende Zukunft

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Jung, frisch verheiratet und ehrgeizig, versucht Michael Davenport, als Schriftsteller sein Auskommen zu finden. Das große Privatvermögen seiner Ehefrau Lucy will er nicht angreifen, aus Angst, es würde ihn als Künstler korrumpieren. Lucy, unsicher, was von ihr erwartet wird, stürzt sich in die Schauspielerei, die Malerei, um ihrem Leben so einen Sinn zu geben. Doch die Jahre vergehen, die Misserfolge häufen sich, und hinter den hochtrabenden Erwartungen lauert ein Leben in Durchschnittlichkeit. Und dann setzen die Zweifel aneinander ein …

 

 

Michael Cunningham – Die Schneekönigin

cunninghamIn Hans Christian Andersens Märchen »Die Schneekönigin« zerbricht ein Zauberspiegel in tausend Scherben. Trifft ein Splitter einen Menschen im Auge, so sieht er fortan alles um sich herum nur noch hässlich und böse. Wird ein Mensch dagegen im Herzen getroffen, wird es so kalt wie Eis … Michael Cunningham spielt auf brillante Weise, voller Poesie und mit einem guten Schuss Ironie versehen, mit Motiven aus Andersens Märchen. Und während er vor dem Hintergrund eines winterlichen New York eine Welt voll Eis, Schnee und Kälte heraufbeschwört, ist sein Roman in Wahrheit eine Hymne auf den Glauben an die Liebe und das Leben.

Der New Yorker Stadtteil Bushwick liegt jenseits von Brooklyn. In dieser Gegend sind die Mieten noch einigermaßen bezahlbar, die Häuser alt und die Leute nicht ganz so schick. Hier teilen sich die Brüder Tyler und Barrett eine Wohnung mit Tylers großer Liebe Beth, die unheilbar an Krebs erkrankt ist und um die sie sich beide aufopferungsvoll kümmern. Sie sind in den sogenannten besten Jahren und können es noch nicht ganz glauben, dass sich ihre Träume niemals erfüllen werden: Tyler, ein genialer Musiker, steht immer noch ohne Band und ohne Erfolg da. Aber er wird, das nimmt er sich vor und dafür sucht er sich heimlich Inspiration beim Kokain, das ultimative Liebeslied für Beth komponieren, ja, er wird es ihr bei der geplanten Hochzeit vorsingen … Barrett, fast Literaturwissenschaftler, fast Startup-Unternehmer, fast Lord Byron, verkauft Secondhand-Designerklamotten in Beths Laden und trauert seinem letzten Lover nach, der ihn gerade schnöde per SMS abserviert hat. Als Beth sich wider alle Erwartungen zu erholen scheint, glaubt Tyler umso mehr an die Kraft der Liebe, während der Exkatholik Barrett sich fragt, ob das merkwürdige Licht, das er eines Nachts im Central Park amwinterlichen Himmel sah, nicht doch irgendwie eine göttliche Vision gewesen sein könnte …

 

 

Doris Knecht – Wald

knechtEine Frau allein in einem abgelegenen Haus in den Voralpen: Marian haust primitiv, in unfreiwilliger Autarkie, denn sie hat alles verloren. Früher, in der Stadt, hatte Marian Mode entworfen und lebte gut, dann trieben die Krise und eigene Fehler sie in den Bankrott, zum völligen Rückzug. Aber auch der Versuch, im geerbten Haus wieder zu sich zu finden, wird für Marian zum Überlebenskampf. Mühsam lernt sie, sich zu versorgen, sie fischt, wildert, stiehlt Gemüse und Hühner. Und sie muss sich arrangieren, in neuen Abhängigkeiten: Der reiche Grundbesitzer Franz versorgt sie mit dem Nötigsten – nicht ganz uneigennützig. Im Dorf feindet man die Außenseiterin immer mehr an. Als sie beschimpft und bedroht wird, muss Marian sich den Dingen stellen. Was ist das nun eigentlich mit Franz? Und wie kann sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen? Stückweise enthüllt der Roman Marians Sturz, schnell und unverblümt erzählt er, wie sie sich in ihrem neuen, archaischen Leben zu behaupten lernt. Eine starke, gefallene Frau mit dem Willen zum Neuanfang, und das Dasein auf dem Land als Spiegel einer brüchigen bürgerlichen Welt – in «Wald» findet Doris Knecht nicht nur einen unverwechselbaren Ton, sie erzählt auch auf mitreißende Weise davon, wie es ist, wenn man sein schönes Leben auf einen Schlag verliert.

 

Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

koehlmeierWinston Churchill und Charlie Chaplin – zwei Giganten der Weltgeschichte, so unterschiedlich wie nur möglich und doch enge Freunde. Der eine schuf als weltberühmter Komiker das Meisterwerk „Der große Diktator“, der andere führte mit seinem Widerstandswillen eine ganze Nation durch den Krieg gegen Adolf Hitler. Michael Köhlmeier hat mit dem Blick des großen, phantasievollen Erzählers erkannt, was in diesem unglaublichen Paar steckt: die Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst und Politik, Komik und Ernst. Der arme Tramp und der große Staatsmann, in diesem verblüffenden Roman des berühmten Autors aus Österreich erleben sie die Geschichte des Jahrhunderts.

 

 

Richard Flanagan – Der schmale Pfad durchs Hinterland

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Ein beeindruckender Roman über den Krieg und die Liebe. (DR)

Dorrigo Evans, ein junger australischer Chirurg, gerät als Offizier im Zweiten Weltkrieg in japanische Kriegsgefangenschaft. Er kommt in ein Lager und wird beim Bau der Eisenbahn Siam-Burma eingesetzt. Die Schilderungen der Zustände in dem Lager sind schrecklich, der Umgang der Japaner mit den Gefangenen ist unmenschlich, unbegreiflich. Der Autor erzählt hier auch Biografisches, denn sein Vater, der kurz vor Fertigstellung des Romans starb, war Überlebender der „Burma Death Railway“. Doch es gibt noch weitere Themen, die dieses Buch aufgreift. Während der junge Mann ums eigene Überleben und das der ihm anvertrauten Kranken und Verletzten (er wird als Lagerarzt herangezogen) kämpft, sucht ihn auch die Erinnerung an eine Affäre heim.

Es ist ein Buch über den Krieg, das allerdings beide Seiten beleuchtet und viele Fragen über Opfer und Täter aufwirft. Speziell die Rolle des Tenno, des gottgleichen Herrschers, wird behandelt. Rechtfertigt der Glaube daran, lediglich einen göttlichen Befehl auszuführen, Willkür und Folter? Wie muss man sich die japanische Gesellschaft in den 1940er Jahren vorstellen? Ein beeindruckendes Buch, das Original wurde 2014 mit dem Booker Preis ausgezeichnet. Für mittlere und große Bestände sehr zu empfehlen. (biblio.at)